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Unser Europa

Begegnungen in fünf Ländern

Film von Robert Krieg

"Wir sind Europa" Protest in Ungarn

Menschen in Budapest protestieren für ein gemeinsames Europa (Quelle: Zoltan Balogh/ap)

Was meinen wir, wenn wir an Europa denken? Europa hat keinen guten Klang, seit Euro- und Griechenlandkrise, Flüchtlingspolitik, Brexit und wachsender Nationalismus die Debatte dominieren. Aber sind es nicht vor allem die Menschen, die den Kontinent zu dem machen, was er ist, mit ihren unterschiedlichen Geschichten und kulturellen Identitäten, die sie verbinden und trennen?

„Unser Europa“ taucht ein in den Alltag von fünf Paaren in fünf Ländern und befragt sie nach ihrer persönlichen Sicht auf Europa.

Sendetermin

Sa. 12.08.17, 22.30 Uhr

Fr. 18.08.17, 02.45 Uhr

Der Autor Robert Krieg ist von Deutschland aus in alle Himmelsrichtungen gereist, nach Asturien in Spanien, nach Estland, Italien und Serbien. Dort trifft er Menschen, zwischen 33 und 55 Jahre alt, die er seit vielen Jahren kennt und die ihm mit großer Offenheit begegnen. Sie sind in ihren Regionen verwurzelt und lieben ihre Heimat. Auch wenn nicht alle dort geboren sind, wie die Rumänin Maria, die mit Franco in der Nähe von Rom lebt, die gebürtige Kubanerin Laura in Asturien oder Solveig aus Island, die mit ihrer Familie in Trier zuhause ist. Dass sich alle als leidenschaftliche Europäer verstehen, ist kein Widerspruch.

Diese Menschen, so verschieden sie sind, sie identifizieren sich mit Europa und sie wollen Europa gestalten – ein gerechtes, demokratisches Europa, in dem der Traum einer gemeinsamen Zukunft ohne Grenzen zwischen Landschaften, Kulturen und Völkern nicht als Illusion und Auslaufmodell abgetan wird. Ein Europa, in dem Werte wie Toleranz, Vielfalt, Solidarität und Rechtsstaatlichkeit verteidigt werden. So wie Asko und Julia aus Tallinn, die Estland als Beispiel für einen modernen, bürgernahen Politikstil sehen. Ein Europa, das uns, wenn man von den Balkan-Kriegen absieht, mehr als 70 Jahre Frieden beschert hat. Das weiß niemand mehr zu schätzen als Aleksandar und Jovana aus Belgrad. Für alle unsere Gesprächspartner ist das keine Selbstverständlichkeit, sondern angesichts von Krieg und Flüchtlingselend vor den Toren Europas eine große Errungenschaft, die es zu bewahren gilt.

Maria und Franco leben in Italien in einem Dorf nahe bei Rom. Sie haben sich dort kennengelernt.

Maria (geb. 1979) ist in Rumänien geboren und wie viele andere Rumänen nach Italien gekommen, in der Hoffnung, dort ein besseres Leben zu finden. Sie hat einen Hochschulabschluss als Ingenieurin für Holzbautechnik. In Italien hat sie bis heute keine adäquate Arbeit gefunden und verdient ihr Geld als Betreuerin einer alten Dame in Rom. Sie engagiert sich in der örtlichen Caritas-Gruppe, die Flüchtlinge aus Nordafrika betreut. Gemeinsam mit Franco ist sie in der lokalen Initiative "Mondo Borgo" aktiv, die sich für die Belange der dörflichen Gemeinschaft einsetzt. Der wichtigste europäische Wert, den es ihrer Ansicht nach zu verteidigen gilt, sind die persönlichen Freiheiten jedes einzelnen Bürgers. Sie macht sich Sorgen um die schleichende Aushöhlung der sozialen Errungenschaften in Italien.

Franco (geb. 1965) arbeitet in der dritten Generation als Friseur mit seinen zwei Schwestern im gemeinsamen Geschäft. Seine freie Zeit nutzt er, um das Stück Land zu bewirtschaften, das der Familie gehört. Er pflegt die alten Olivenbäume und probiert neue Methoden aus, um so wenige Pestizide wie möglich zu verwenden. Bei den alten Bauern sammelt er die Samen von Tomaten und anderen Nutzpflanzen, die es längst nicht mehr zu kaufen gibt, und sät sie wieder aus. Er ist mit Europa aufgewachsen: "Wenn mich im Ausland jemand fragt, woher ich komme, sage ich: 'Ich bin Europäer'!" Für ihn liegt die Stärke Europas in der Gemeinschaft.

Asko und Julia aus Estland

Asko und Julia arbeiten und leben in Tallinn, Estland, gemeinsam mit ihren zwei kleinen Kindern. (Quelle: phoenix)

Asko und Julia arbeiten und leben in Tallinn, Estland, gemeinsam mit ihren zwei kleinen Kindern.

Julia (geb. 1979) hat ihr Studium an einer Kunstakademie abgeschlossen und schon früh begonnen, sich nach dem europäischen Ausland zu orientieren. Sie hat sich auf Schmuckdesign spezialisiert und bereits erfolgreich an mehreren internationalen Schmuckdesigner-Messen teilgenommen. Sie gilt als eine der kreativsten Schmuck-Künstlerinnen ihres Landes.

Asko (geb. 1971) hat als junger Kunsthochschulabsolvent zusammen mit einem Kollegen direkt nach der Unabhängigkeit Estlands eine Werbeagentur gegründet, die inzwischen so erfolgreich läuft, dass er sich aus dem Tagesgeschäft zurückziehen konnte. Er widmet sich der Poesie und der grafischen Gestaltung von Kunst-Büchern.

Julia und Asko sind passionierte Segler. Sie arbeiten beide von Zuhause aus und versuchen, im Sommer so viel Zeit wie möglich auf dem Wasser zu verbringen. Sie sehen ihre Zukunft in Europa und sind davon überzeugt, dass sich die baltischen Staaten nur als Teil Europas gegen das aus ihrer Sicht übermächtige Russland behaupten können. Für sie ist Estland ein gutes Beispiel für einen neuen Politikstil, der die Nähe zum Bürger sucht und sich auf Augenhöhe bewegt. Die Esten sehen keinen Widerspruch zwischen ihrer Naturverbundenheit und ihrer HighTech-Entwicklung, die an der Spitze Europas liegt. Das könnte zum Vorbild für Europa werden.

Laura und Pablo leben in Asturien im Nordwesten Spaniens. Sie haben sich an der Universität von Oviedo kennengelernt.

Laura (geb. 1983) ist in Kuba geboren und kam als Jugendliche nach Nordspanien, woher ein Teil ihrer Familie stammt. Sie ist Sonderpädagogin für verhaltensauffällige Kinder mit eigener kleiner Praxis. Für sie hat ihre kubanische Herkunft den großen Vorteil, dass sie Spanien und Europa auch von außen mit kritischer Distanz beobachten kann. Sie versteht Europa als Ort der Aufklärung, kritisiert aber als Kernproblem die ungerechte Verteilung der Reichtümer in Europa. Das sei die eigentliche Ursache für das fremdenfeindliche Verhalten der Menschen, die in prekären Verhältnissen leben und befürchten, dass ihr Anteil am gemeinsamen Kuchen noch kleiner wird.

Pablo (geb. 1980) ist studierter Biologe, arbeitet aber für eine Versicherungsgesellschaft. Als Vertreter einer unabhängigen Liste, die sich für soziale Gerechtigkeit und ökologische Ziele einsetzt, sitzt er im Gemeinderat seines Heimatortes und engagiert sich für die lokalen Belange der Menschen. Er verlangt mehr Autonomie für Asturien und sieht darin keinen Widerspruch zum europäischen Gedanken. Seine Vision von Europa ist eine Union der europäischen Völker, die sich gegenseitig respektieren und ihre Besonderheiten anerkennen. Die rein merkantile Ausrichtung der europäischen Union hält er für eine große Gefahr und sieht darin die Ursache für das Anwachsen anti-europäischer, rechtsextremistischer und fremdenfeindlicher Bewegungen.

Aleksandar und Jovana aus Serbien

Jovana und Aleksandar leben in Belgrad, Serbien. (Quelle: phoenix)

Jovana und Aleksandar leben in Belgrad, Serbien.

Aleksandar (geb. 1961) arbeitet als Hochschullehrer an einer Film-Akademie und hat als Regisseur mehrere Spielfilme realisiert. Bereits als Jugendlicher war er oft in Europa unterwegs. Umso schlimmer wirkte sich für ihn persönlich die komplette Isolation Serbiens nach dem Zerfall Jugoslawiens aus. Seine Haltung ist die eines Weltbürgers und Europäers, die nichts mit den nationalistischen Ambitionen der ex-jugoslawischen Nachfolgestaaten zu tun hat.

Jovana (geb. 1976) hat Medienmanagement studiert und eine kleine Film-Produktion gegründet. Ihre beiden Schwestern leben im Ausland.
Jovana und Aleksandar fühlen sich der europäischen Mentalität verbunden, ohne den jahrhundertelangen Einfluss der osmanischen Kultur auf die Denk- und Verhaltensweisen auf die Serben zu unterschätzen. Sie treten für grundlegende rechtsstaatliche Reformen und Bekämpfung der Korruption in ihrem Land ein und wünschen sich eine Aufnahme in die Europäische Union. Allerdings nicht als formalen Akt wie bei einigen anderen osteuropäischen Ländern geschehen, sondern als tatsächliche Übernahme europäischer Werte und Anforderungen. Nur so sehen sie eine Zukunft für sich und ihre Landsleute.

Michael und die aus Island stammende Solveig haben sich während des Studiums in Trier kennengelernt und leben dort bis heute. Sie haben drei Kinder.

Michael (geb. 1972) hat in Jura promoviert und arbeitet in einer Beratergesellschaft in Luxemburg. Er pendelt täglich zwischen Deutschland und Luxemburg. Michael arbeitet mit anderen Europäern in einem Büro zusammen und nimmt regelmäßig an Konferenzen in den unterschiedlichen Hauptstädten Europas teil. Er kann sich Deutschland nicht ohne Europa vorstellen und Europa nicht ohne Deutschland. Die Europäische Union ist in seinen Augen die beste Garantie für ein friedliches Auskommen der internationalen Völkergemeinschaft. Er nimmt die Gefahren, die von den neuen rechtsextremen Strömungen in Europa ausgehen, sehr ernst und sieht in ihnen die größte Bedrohung für alles, was bisher in der Europäischen Union erreicht worden ist.

Solveig (geb. 1975) ist Betriebswirtin und hat einen Magister in Japanologie. Sie arbeitet gegenwärtig nicht in ihrem Beruf und widmet sich ganz der Erziehung ihrer drei Kinder. Solveig ist überzeugte Isländerin und geprägt durch die Erziehungsideale der isländischen Gesellschaft, die individuelle Qualifikation mit einem gemeinschaftsorientierten Arbeitsethos zu verbinden suchen. Sie ist eine Anhängerin des europäischen Gedankens, gleichzeitig bewahrt ihr ihre Herkunft einen kritischen Blick auf die Entwicklungen in den EU-Ländern. Für sie sind die wichtigsten europäischen Werte Toleranz, Offenheit und die Bereitschaft, kritisch zu diskutieren und zu hinterfragen.

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