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Sibiriens Schicksalsstrom: Der Jenissei (2/3)
Die Nachfahren der Verbannten
Die zweite Etappe von Dirk Sagers Reise entlang des Jenissei umfasst den Mittellauf des Flusses ab Krasnojarsk. Wenn sich der Bug des Frachters "Dikson" bei Krasnojarsk ins Fahrwasser schiebt und an den Ufern die endlosen Wälder der Taiga vorbeistreichen, wünscht man sich, dass die Reise nie enden möge: das Panorama des Flusses so gewaltig, das vielfältige Grün der hügeligen Landschaft wie ein schillernder, samtener Mantel. Zurück bleibt in violettem Morgenlicht die Silhouette einer Stadt, die sich imponierend in den Himmel reckt.

Appell im Straflager Nummer 29 (Quelle: ZDF)
Dem Winter entronnen
Die Nächte sind kurz in der knapp bemessenen Zeit des Sommers. Und sie sind erfüllt von rauschhaftem Leben. Es wäre unangemessen, von breitem Wohlstand zu sprechen. Aber das Glücksgefühl, dem langen und kalten Winter für kurze Zeit entronnen zu sein, erfasst die jungen wie die alten Bürger. Restaurants und Biergärten laden bis in den späten Abend zum Verweilen.
Nirgendwo und zu keiner Zeit scheinen die grauen, einförmigen Tage der Sowjetunion so fern wie in den milden Abendstunden des Sommers. Wer möchte, dass die Nacht nicht vorübergeht, geht in den Club "Che Guevara". Das ist die letzte Bar vor dem Nordpol. Mit Krasnojarsk - 2500 Kilometer vor der Mündung des Jenissei - verlässt man auf dem Weg nach Norden eine Stadt, die uns im Rückblick wie eine weltläufige Metropole erscheinen wird.
Straße des Lebens
Weiter geht es mit dem Schiff, auf dem der Ruf des Kuckucks aus den Wäldern jenseits der Flussufer gut zu vernehmen ist. Der Fluss, so begreift man, gehört den Menschen - wenigstens im Sommer. Jenseits der Ufer beginnt die Wildnis. Im Juni ist das Eis des Jenissei auch am Unterlauf gebrochen.
Sendetermin
Mo. 27.05.13, 03.15 Uhr
Fünf Monate dauert die Navigationsperiode. Im Juni beginnt die Zeit, in der Frachter und Barken, Tankschiffe und Postdampfer aufbrechen, um die fernen Siedlungen im Norden aus ihrer Abgeschiedenheit zu erlösen. Der Jenissei wird zur Straße des Lebens, denn was im Sommer nicht flussabwärts gebracht wird, kann im nächsten Winter zu Versorgungsengpässen, sogar zu bitterer Not führen.
Der Veteran und das Obst
Die Ladung der "Dikson" lässt die Vielfältigkeit der Wünsche ahnen. Tief im Bauch des Schiffes liegen gewaltige Treibstofftanks für Autos und Kraftwerke. Auf Deck türmen sich Möbel und Matratzen. Dazwischen stapeln sich Kisten mit Obst und Gemüse - Waren, die nach dem langen Winter sehnlichst erwartet werden.
Die "Dikson" ist ein Veteran auf dem Jenissei und damit ein Beispiel für die neue Zeit. Nach dem Zusammenbruch der sowjetischen Wirtschaft ist nicht mehr der Staat der Auftraggeber für die Schifffahrt. Kleine Reedereien haben das Geschäft übernommen. Aber keine von ihnen hat Geld, neue Schiffe zu kaufen.
Unverwüstliche deutsche Wertarbeit
Sascha, der Kapitän, hat seinen Frachter auf einem Schiffsfriedhof gefunden und mit Freunden wieder hergerichtet. Nun fährt der fast fünfzigjährige Dampfer wieder stolz seine Route zu den Dörfern am Unterlauf, im Rumpf eine Dieselmaschine aus Magdeburg vom "VEB Schwermaschinenbau Karl Liebknecht" - ein stiller Triumph deutscher Wertarbeit.
Zu der Zeit, als sich die ersten englischen Siedler in Amerika niederließen, begann im alten Russland der Vorstoß nach Osten. Die Stadt Jenisseisk hat sich den Charme der Pionierzeit erhalten. 1635 erhielt die Siedlung das Stadtrecht und wurde einer der wichtigsten Umschlagplätze im frühen Sibirien für Gold und Pelze.
Keine sowjetische Betonbrutalität
Der Ort geriet ins geschichtliche Abseits, weshalb er später nie ein Opfer sowjetischer Betonbrutalität wurde. Holzhäuser aus alter Zeit säumen die Straßen. Besonders in den Wintertagen, wenn der Schnee wie Zuckerguss über den Dächern liegt und am Boden Schutt und Schrott verbirgt, wähnt man sich in einer anderen Welt. Von den Kommunisten missbrauchte Klöster und Kirchen werden wieder hergerichtet.
Die Älteren in der Stadt erinnern sich an etwas, das nicht in das Bild der Idylle passt. Ihre Stadt war in Stalins Zeiten einer der Orte, in denen Gulag-Häftlinge auf Schiffe verladen wurden, um weiter in den Norden zu den entlegenen Straflagern gebracht zu werden. Der Jenissei war für sie der Weg in die Mühsal und Qualen der Zwangsarbeit - und für viele war er der Weg in den Tod.
Lieber Lager als Gefängnis
Am Ufer der Angara, des größten Nebenflusses, werden auch heute noch Häftlinge zum Holzfällen eingesetzt. Ihre Lager sind so weit von allen Fluchtwegen entfernt, dass sie des Stacheldrahts und der Wachtürme nicht bedürfen. Auch gilt es als Privileg, aus dem Gefängnis dorthin verlegt zu werden, was mehr über den Zustand des gewöhnlichen Strafvollzuges besagt als über die Vorzüge des Lebens im Lager.

Kilometerlange Flöße aus frisch geschlagenen Bäumen (Quelle: ZDF)
Zwar können die Verurteilten im Lager Geld verdienen. Aber ihre Haftbedingungen sind von dem Klima bestimmt, unter dem auch die Gulag-Häftlinge litten: im Winter die schneidenden Fröste, im Sommer die wütenden Schwaden der Mücken, die den Aufenthalt im Freien zur Folter machen.
Tausend Meter lange Holzflöße
Wie eine Erlösung wirkt der Weg zurück zum Jenissei. Das ZDF-Team fährt auf einem der Schlepper, die die tausend Meter langen Holzflöße zur Weiterverarbeitung bugsieren.
Im Winter, wenn der Jenissei von Eis bedeckt ist, führt eine "Winterstraße" ein Stück weit entlang des Ufers nach Norden. Die Trasse ist nur in Zeiten des Frostes befahrbar, weil sie im Sommer in den Sümpfen versinkt. Die Lkw fahren im Konvoi, denn das Wetter ist tückisch. Schneestürme machen den Weg unpassierbar. Wer mit einem Motorschaden liegen bleibt, ist der Kälte hilflos ausgeliefert.
Wunder der neuen Zeit
Meist sind es Händler, die diese Strecke fahren, und auch im Winter - soweit die Trasse führt - einsame Dörfer versorgen. Sie gehören zu den Wundern an Umsicht und Privatinitiative, die die neue Zeit hervorgebracht hat. Iwan, der aus der Ukraine stammt, erkannte 1990 beim Zusammenbruch der Planwirtschaft eine Marktlücke.
Seitdem steuert er einmal die Woche einen schweren Ural-Lkw mit Allradantrieb durch die eisige Öde. Im Sommer aber läuft er die Dörfer am Jenissei mit einem kleinen Kutter an. Iwans Handel ist immer noch von dem Elend geprägt, das mit dem Ende der Sowjetunion über die Menschen auf dem Land kam.
Bezahlt wird in Naturalien
Die Kolchosen gingen bankrott. Aber keine Bank gab den Bauern Kredite, um eine eigene Bauernwirtschaft zu gründen. Sie leben von dem, was sie erzeugen. Für Iwans Waren haben sie kein Geld, sie bezahlen ihn im Sommer mit gesammelten Beeren und Pilzen, die Iwan in Krasnojarsk verkauft.
Gerade Zeiten des Mangels und der Not lassen Helden heranwachsen - russische Helden, die beseelt von der rettenden Idee im Scheitern nur neuen Ansporn sehen. Der Bauer Mischa lebt unter ärmlichen Verhältnissen im Dorf Fonka. Er hat erkannt, dass die Abgeschiedenheit des Dorfes, die Ferne der Märkte ihm nie eine Chance geben wird, dem Kreislauf von Hunger und Not zu entkommen.
Gescheiterter Stapellauf
Also begann er vor vier Jahren ein Boot zu bauen, um damit die Früchte seiner Felder, Pilze und Beeren, in die Stadt bringen zu können. Nach zweijähriger Bauzeit war Stapellauf. Das Boot glitt zu Wasser und kippte um. Es lag so tief, dass es nicht einmal mehr zu bergen war.
Also legte er ein neues Schiff auf Kiel, aus Eisenplatten zusammengeschweißt, noch größer und noch schöner als das vorangegangene. Zwölf Passagiere und 20 Zentner Nutzlast soll es fassen. Er baut immer noch daran, sehr zum Ärger seiner Frau, weil er jede der wenigen Kopeken in das Projekt investiert.
Es ist ein rostiger Torso, vor dem er steht, während er seine Vision eines besseren Lebens erklärt. So leben sie in den Dörfern am Jenissei - zwischen Resignation und Hoffnung und mit den Träumen von einem Leben in Würde.
