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Natalie – Mein Weg aus der Stille

Natalies Blick haftet aufmerksam auf ihrem Gegenüber, weicht nicht von dessen Lippen. Denn Natalie weiß jedem Kräuseln des Mundes, jedem Zungenschlag, auch jedem Hüpfen des Kehlkopfs Bedeutung zu geben. Sie liest von den Lippen ab. Natalie ist von Geburt an praktisch taub. Unterhält man sich mit ihr, vergisst man das leicht. Weil Natalie nahezu spricht, als könne sie hören

Gefangen im Niemandsland

Dennoch fühlt sie sich manchmal im Niemandsland zwischen der hörenden und der gehörlosen Welt, weil ihr so viele Worte und Inhalte entgehen. "Ich bin zu taub, um in der hörenden Welt zu sein, aber schon viel zu sehr an der hörenden Welt orientiert, um in der gehörlosen Welt zu sein", sagt sie.

Auch darum hat sich die 31-jährige Natalie zu einer Operation durchgerungen. Sie wird sich ein Hörimplantat hinter das Ohr und ein dazugehöriges Bündel Elektroden in die Gehörschnecke implantieren lassen, eine Hörprothese für Gehörlose, deren Hörnerv noch funktioniert. Die Ärzte, die der 31-Jährigen zuraten, nennen es Cochlea-Implantat. Für Natalie verkörpert es die Hoffnung, teilzuhaben an der Wahrnehmungswelt der Hörenden.

Während die Operation immer näher rückt, kämpft Natalie mit ihren Zweifeln, ob sie der Anstrengung des Hörenlernens gewachsen sein wird. "Vor der Operation habe ich sehr viel Angst, nicht, weil ich glaube, dass es schief geht, sondern weil es eine Reise ins Ungewisse ist." Mit Unbehagen drängen sich Erinnerungen an die Zeit ihrer Kindheit auf. Denn dem Erwerb ihrer Fähigkeit, als Gehörlose wie eine Hörende zu sprechen, lag ebenfalls ein enormer Drill zugrunde.

Sendetermin

Sa, 04.10.09, 23.30 Uhr

Die ersehnte Operation

Und nun sagen die Ärzte, dass ihr Hörvermögen nach der Operation dem eines neugeborenen Babys gleichen würde. Wird sie nun das Hörenlernen an die Grenzen der Belastbarkeit bringen? Diese Ungewissheit wird für Natalie zum Anlass, ihrer Vergangenheit nachzuspüren. Was hat es eigentlich bedeutet, gehörlos, ja, behindert zu sein? Mit der Unterstützung ihres Vaters, ihrer Schwestern, ihrer Freunde rekonstruiert sie, parallel zum gegenwärtigen Lauf der Ereignisse, markante Stationen ihrer Lebensgeschichte.

Und dann ist der Tag der Operation endlich da. Etwa drei Stunden dauert der Eingriff. Und gleich im Anschluss können die Ärzte prüfen, ob Natalies Hörnerv wirklich reagiert. Vier Wochen muss sie dann warten, ehe das Implantat erstmals eingeschaltet wird. Ein Moment, den Natalie herbeisehnt und zugleich fürchtet. Wie wird klingen, was sie dann hört? Bei der ersten Hörprobe fühlen sich die ersten akustischen Reize wie Stromschläge an, die ins Gehirn schießen.

Eine ganze Welt voller Geräusche

Schonungslos und ungefiltert bricht die neue Klangwelt über Natalie herein. Von nun an muss sie lernen, das Geräusch eines aufsetzenden Glases vom Klacken eines Feuerzeugs, das Klingeln eines Telefons von einer Türklingel zu unterscheiden. Es ist, als erlerne sie eine neue Sprache. Denn Natalie spricht zwar fast wie eine Hörende, doch weder ihre Stimme, noch die irgendeiner anderen Person hat sie je vernommen.

Sie weiß nicht, wie die Worte klingen, die sie sagt, sie weiß nicht, wie sich die einzelnen Buchstaben anhören, aus denen sie die Worte bildet. Ihr Gehirn muss eine Leistung vollbringen, die ihm vorher nie abverlangt wurde. Auf einmal wird klar, dass das Wort Hörbaby sprichwörtlich gemeint ist. „Meine große Hoffnung ist, dass ich irgendwann nicht mehr auf das Lippenlesen angewiesen bin."

Die mit dem hessischen Filmpreis ausgezeichnete Dokumentarfilmemacherin Simone Jung hat für den Hessischen Rundfunk Natalies dramatischen Weg in die Welt der Hörenden begleitet. Der eindrucksvolle Film lässt die Zuschauer unmittelbar an den Ängsten und Hoffnungen teilhaben, vermittelt ein plastisches Bild davon, was es heißt, taub geboren zu sein. Natalie selbst nämlich ist die Erzählerin ihrer Geschichte, Simone Jung ihre "Übersetzerin", die ihr bei der filmischen Umsetzung hilft.

Ein Film von Simone Jung

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