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Hitlers letzte Opfer

Zur Geschichte von Flucht und Vertreibung

Ein Film von Henry Köhler, Sebastian Dehnhardt und Christian Frey

Herbst 1944. Kilometer um Kilometer hat die Rote Armee eigenes Territorium zurückerobert. Und die sowjetischen Soldaten sehen das, was die Wehrmacht bei ihrem Rückzug hinterlassen hat: verbrannte Erde, zerstörte Dörfer, Tod. Sie erreichen Deutschland, die "Höhle des faschistischen Tieres", wie die Propaganda tönt. Millionen Deutsche fliehen panisch aus dem Osten, aus Ostpreußen, aus Schlesien, aus dem Wartheland. Sie wissen: Hitlers Vernichtungskrieg wird sich jetzt gegen sie wenden. Die größte Massenflucht der Geschichte beginnt. Ein Thema, das bis heute die Menschen berührt. Die Dokumentation "Hitlers letzte Opfer" knüpft an die preisgekrönte ARD-Reihe "Die Vertriebenen" an, die 2001 Millionen Fernseh-Zuschauer bewegte. Das Thema Flucht und Vertreibung wird an den Beispielen Königsberg, Lodz, Breslau, Prag und Brünn verdeutlicht. Ein Ansatz, der es möglich macht, auch die Vorgeschichte auszuloten.

Beispiel Königsberg. Die NS-Führung hat die Stadt zur Festung erklärt, sinnloser Widerstand gegen einen übermächtigen Feind. Die Menschen machen sich auf, fliehen vor der Roten Armee. Der große Treck wälzt sich aus Ostpreußen gen Westen. Frauen, Kinder, Greise. Bei klirrender Kälte. Das Elend der Flüchtlingstrecks, die unfassbaren Strapazen, der Tod von Eltern und Geschwistern, Hunger, Gewalt, Angst - all das ist in den Erinnerungen bis heute gegenwärtig. "Ich hab mich hingekauert mit meinen Kindern, habe geweint und gesagt, Spätzchen, jetzt lassen wir uns erfrieren. Ich kann nicht mehr." Erfahrungen und Schreckensbilder wie die von Dorothea Thiel aus Königsberg, haben sich tausendfach in die Erinnerungen eingebrannt. Und trotzdem haben viele jahrzehntelang darüber geschwiegen.

Sendetermin

So, 23.05.10, 21.00 Uhr

Beispiel Lodz. Die Geschichte der Vertreibung der Deutschen hier begann mit der Vertreibung der Polen. Die polnische Stadt war 1939 nach der Eroberung von den Nationalsozialisten kurzerhand in Litzmannstadt umbenannt, die Polen vertrieben und Volksdeutsche in deren Wohnungen angesiedelt worden. 1945 fliehen die Deutschen: vor der anrückenden Roten Armee, aber auch vor den zurück kehrenden Polen, die nun wieder ihre Heimat in Besitz nehmen wollen. Wie Slawomir Niemerowski, dessen Haus von einer Deutschen mit zwei Kindern bewohnt ist: "Ich sagte ihr, meine Familie wird in diese Wohnung zurückkehren. Wie viel Zeit brauchen Sie um zu gehen? Sie antwortete, in zwei Wochen könne sie fort sein. So geschah es. Sie konnten alles mitnehmen. Uns hatten sie damals nur 15 Minuten gegeben - und einen Koffer."

Beispiel Breslau. Auch Breslau kennt eine doppelte Vertreibungsgeschichte. Nachdem sowjetische und polnische Militärs die "Festung" Breslau übernommen haben, strömen immer mehr Polen in die Stadt. Heimatvertriebene Polen. Viele kommen aus Lemberg, auf polnisch Lwow, einer Region Ostpolens, die Stalin nun für die Sowjetunion beansprucht. Auch viele geflüchtete Deutsche strömen zurück nach Breslau. Doch bald schon wird offenbar, dass sie ihre Heimatstadt wieder verlassen müssen, dass für sie hier kein Platz mehr sein wird. Schon vor Kriegsende war die Entscheidung gefallen, dass Schlesien unter polnische Verwaltung kommt.

Flucht und Vertreibung - ein Schicksal, von dem Millionen Menschen betroffen sind. 1,5 Millionen Polen und zwölf Millionen Deutsche verlieren ihre Heimat, viele sogar ihr Leben, insbesondere während der "wilden Vertreibung" in Polen. Aber auch in der Tschechoslowakei schlägt den Deutschen eine Welle von Gewalt und Vergeltung entgegen. Bereits 1938 war Hitlers Wehrmacht in das so genannte Sudetenland einmarschiert und viele der Sudetendeutschen hatten die Besatzer damals als Befreier begrüßt. Für die Tschechen war das Verrat an ihrem Staat. Nach sieben Jahren nationaler Demütigung und Unfreiheit entladen sich nun Wut und Gewalt gegen die Deutschen.

Beispiel Brünn. Besonders drastisch bekommen es die Deutschen hier zu spüren. Alle arbeitsfähigen deutschen Männer werden interniert, der Rest - Frauen, Kinder, Greise - muss innerhalb von 24 Stunden die Stadt verlassen. Von der Vertreibungsaktion betroffen sind 20.000 Menschen. Umgesetzt wird die Aktion von bewaffneten Zivilisten, die sich als Revolutionsgarden bezeichnen. Ingeborg Neumeyer: "Rechts und links sind die bewaffneten Partisanen neben uns gegangen. Am Stadtrand gab es dann schon die ersten Toten, die ersten Sterbenden, weil es war so heiß und die alten Leute konnten ihr bisschen Gepäck kaum tragen. Wenn jemand zusammengebrochen ist, haben die mit Peitschen so lange geschlagen, bis er wieder aufgestanden ist, oder wenn er nicht mehr konnte, wurde er in den Straßengraben gestoßen." Selbst tschechische Augenzeugen wie Jaroslaw Klenovsky, der durch den Nazi-Terror seine Angehörigen verloren hatte, sehen diese Aktion mit unguten Gefühlen: "Ich habe im Krieg gegen deutsche Männer gekämpft. Nach dem Krieg mit Frauen zu kämpfen, das war für mich ganz ausgeschlossen, das war ein Verbrechen." Aktionen wie die in Brünn lösen im Westen Empörung aus. Churchilll und Truman fordern einen geregelten und humanen Transfer. Polen und die Tschechoslowakei werden aufgefordert die wilden Vertreibungen sofort einzustellen. Die Alliierten setzen schließlich Kommissionen ein, die die Aussiedlungsaktionen begleiten und darauf achten sollen, dass die vereinbarten Mindeststandards eingehalten werden. Dennoch bleibt das Erlebnis Flucht und Vertreibung für die meisten der Betroffenen ein Trauma. Der Verlust der Heimat - ein Schicksal, das die Menschen bis heute nicht losgelassen hat.

Anliegen der Dokumentation ist es, die Geschichte von Flucht und Vertreibung zu rekonstruieren, ohne die Vorgeschichte - die Jahre 1939 - 1945 - zu leugnen. Dieser sorgsam austarierte Ansatz, der auch Russen, Polen und Tschechen zu Wort kommen lässt, ist notwendig, angesichts einer politischen Debatte zum Thema Flucht und Vertreibung, die bisweilen historische Sensibilität vermissen lässt.

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