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Thema: Gesundheitswahn

Do. 07.09.17, 04.45 - 06.00 Uhr

Aktuelles, Gespräche, Dokumentationen

Haben Sie ein reines Gewissen? Sind Sie sicher, dass Sie heute wirklich alles für Ihre Gesundheit getan haben? Sind Sie ausreichend gejoggt, selbstverständlich nach vorschriftsmäßigem Aufwärmen und Stretching in atmungsaktiven Shirts und Hi-Tec Schuhen? Haben Sie dabei den Puls kontrolliert? Wie war ihr Blutdruck? Haben Sie auch Ihre tägliche Ration an Vitaminpillen nicht vergessen? Enthielt die Fischmahlzeit die richtigen Omega-3-Fettsäuren? Das Gläschen Weißwein am Abend war es wirklich notwendig?

Laufen wir uns süchtig? Essen wir uns krank? Für das höchste Gut, die Gesundheit, ist uns kein Mühsal zu groß. Denn die Belohnung für alle Entbehrungen ist ein langes, gesundes Leben. Stimmt das wirklich?

Auf der Suche nach Antworten stößt die Moderatorin Inge Swolek auf die Essstörung „Orthorexie“, auf das dicke Geschäft mit Diäten und die Gefahren bei der permanenten Selbstkontrolle durch die Fitness-Apps. Gesprächspartner sind u.a. Prof. Ingo Froböse, Sportwissenschaftler an der Kölner Sporthochschule und Dr. Manfred Lütz, Psychiater und Theologe, der das Buch "Lebenslust. Wider die Diät-Sadisten, den Gesundheitswahn und den Fitness-Kult" geschrieben hat.

Moderation: Inge Swolek

Darin die Dokumentation:

Langlauf in die Sucht
Wenn Sportler nicht mehr aufhören können
Film von Katrin Funke und Robert Mönch

Sport macht Spaß und ist gesund. Die Deutschen haben in ihrer Freizeit vor allem Ausdauersportarten für sich entdeckt. Bewegung an der frischen Luft, das klingt an und für sich wunderbar. Doch einigen reicht der lockere Lauf nicht mehr. Sie suchen den Wettkampf, um sich messen zu können und an ihre Grenzen zu kommen.

Auch Sebastian Schliwa läuft für sein Leben gern: egal ob Marathon, Supermarathon und auch mal 160 Kilometer am Stück in 36 Stunden. Zum diesjährigen Rennsteigmarathon ist er zu Fuß angereist – 350 Kilometer in fünf Tagen. Warum tut er sich das an? Wie überwindet er sich, morgens immer wieder aufzustehen, im Wissen darüber, dass er heute wieder 50 bis 60 Kilometer vor sich hat?

Nur die Ersten sind die Besten
Experten sehen in diesem Boom bei den Laufwettkämpfen einen Zusammenhang zur Leistungsgesellschaft. Jedem Menschen ist ein anderes Leistungsmotiv eigen. Aus Spaß wird bei einigen Sportlern Wettbewerb. Was vor zwei Jahrzehnten noch etwas Besonderes war, gehört heute für viele zum Alltag.

Laufen, schwimmen, klettern bis zum Umfallen - Was treibt Menschen zu solchen Extremen? Wir stellen Ihnen einige der Sportarten vor, bei denen Menschen an ihre Grenzen gehen.

Wenn aus Leidenschaft Sucht wird
Für viele Menschen hat das Sportpensum schon längst gefährliche Ausmaße angenommen, weiß Prof. Oliver Stoll, selbst Marathonläufer und Sportwissenschaftler an der Universität Halle-Wittenberg. Er und sein Team haben mehr als 1.000 Sportler aller Alters- und Berufsgruppen untersucht und deren sportliche Aktivitäten analysiert. Das Ergebnis ist die erste wissenschaftliche Studie in Deutschland, die sich genauer mit dem Phänomen befasst. Demnach leiden in Deutschland etwa drei bis vier Prozent der Freizeitsportler unter Sportsucht. Trotz großer Müdigkeit oder Schmerzen gehen Sportsüchtige zum Joggen, an die Kraftgeräte oder fahren Rad. Sie betreiben ihr Hobby so ausgiebig, um ein bestimmtes Gefühl, das sie dabei bekommen, immer wieder zu spüren. Auch das Durchbrechen selbst auferlegter Grenzen spielt dabei eine große Rolle.

Anzeichen für eine Sucht seien Prof. Stoll zufolge, wenn Sportler dafür ihre Familie, ihre Arbeit und Freunde vernachlässigen. Sie planen ihr ganzes Leben um den Sport herum. "Die Süchtigen sind besessen von dem Gedanken, sich bewegen zu müssen, sie vernachlässigen ihre Gesundheit und ihr soziales Umfeld", sagt Jürgen Beckmann, Professor für Sportpsychologie an der Technischen Universität München. Der Körper verlange in immer größerer Menge nach dem Botenstoff Dopamin, der nach dem Sport das Gefühl von Zufriedenheit und Glück verbreitet. Wie bei einer Droge müsse die Dosis ständig erhöht werden.

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