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Kinder ohne Kindheit - Uganda

Der Krieg der Knirpse

Fünf Stunden dauert die Autofahrt von Kampala in die Provinzhauptstadt Gulu im Norden Ugandas. Nach drei Stunden machen wir halt. Ein Militärposten bewacht die Brücke, unter der sich, in mächtigen Kaskaden, der Weiße Nil in 40 Meter Tiefe drängt. Ab jetzt, raten die Soldaten, sollten wir nicht mehr anhalten und möglichst schnell fahren. Jenseits der Brücke drohe Gefahr aus dem Busch. Niemand sei sicher vor den Rebellen der Lords Resistance Army, der "Widerstandsarmee Gottes". Wir haben uns vorgenommen, eine Reportage über Kindersoldaten zu drehen.

Sendetermin

Mo, 29.06.09, 05.00 Uhr

Noch 100 Kilometer bis Gulu. Bananen- und Eukalyptus-Wälder säumen die Straße, über Sonnenblumenfeldern ragen gewaltige Mangobäume. Oasen des Schattens in flirrender Äquator-Hitze. So könnte ein Tropenparadies aussehen, wäre da nicht auch anderes am Wege: immer wieder rostige Bus- und Militärfahrzeugwracks, verödete Felder, verlassene halbzerstörte Dörfer.

Es ist Krieg im Land des Acholi-Volkes, ein besonderer Krieg, haarsträubender, grausamer noch als die vielen anderen Kriege Afrikas. Seine Hauptakteure sind Kinder. Von Rebellenführer Joseph Kony sprechen die Acholi nur im Flüsterton. Magische Kräfte soll er haben, der heilige Geist unterweise ihn und sein Heer im Kampf gegen die Regierung in Kampala. Es ist ein Heer, dessen jüngste Soldaten sieben Jahre alt sind. Seit zehn Jahren herrscht Bürgerkrieg im Norden Ugandas, seit dieser Zeit werden Acholi-Kinder in die Busch-Lager der Rebellen verschleppt. Man schätzt ihre Zahl auf inzwischen 11000.

Kinder, meint Rebellenführer Kony, sind die besten Soldaten. Sie sind leichter zu beeinflussen, besser zu motivieren als Erwachsene. Nach gründlicher "Ausbildung" im Busch werden sie zu furchtlosen, fürchterlichen Kämpfern. Das Rezept ist zynisch, unmenschlich, aber wirkungsvoll.

"Ich weiß nicht, wie viele Menschen ich getötet habe", sagt der zwölfjährige Tata. "An einen kann ich mich noch genau erinnern. Ich erschoss ihn, und zog ihm dann die Jacke aus." Tata sagt das mit leiser Stimme, ohne eine Regung im Gesicht. Seine Geschichte gleicht der von Tausenden Altersgenossen.

Im Morgengrauen kamen die Rebellen in sein Dorf, zündeten die Hütten an, töteten die Erwachsenen und nahmen die Kinder mit. Tata war damals sechs Jahre alt. Schon auf dem Drei-Tage-Marsch zu den Rebellenlagern im Südsudan begann die "Ausbildung". Wer nicht mehr laufen konnte, wurde von den Entführern erschossen. Versuchte einer zu fliehen, wurde er besonders hart bestraft. Die Kinder selbst mussten den Verurteilten erschlagen. Im Lager dann gab es täglich Prügel. Auf Ungehorsam stand die Todesstrafe.

Tata sah viele Kinder sterben, bevor er in den Kampf geschickt wurde und selber tötete. Da war er längst gewöhnt, zu gehorchen, um zu überleben. Er habe nie Angst gehabt im Gefecht, sagt er immer noch stolz. Keine Angst vor den viel größeren Erwachsenen? Nein, sagt er lächelnd, ich hatte doch ein Gewehr.

Für LRA-Kinder, die im Gefecht gefangen genommen wurden oder, was seltener geschieht, den Rebellen entfliehen konnten, wurden in Gulu mit ausländischem Geld zwei Auffanglager eingerichtet. Traumatisiert kommen die Kinder aus dem Busch, sagen uns Helfer und Erzieher im Lager der internationalen Organisation World Vision in Gulu. Sie ins normale Leben zurückzuführen, sei schwer, ihnen ihre verlorene Kindheit zurückzugeben aber ganz und gar unmöglich.

Bei Tanz und Gebet versuchen die Kinder im Lager zu vergessen, was sie nicht vergessen können. Die Rückkehr zu ihren Eltern, zur Familie, ins Heimatdorf wäre das beste Heilmittel, meinen die Betreuer. Aber so leicht geht das nicht. Die Gottesarmee des Joseph Kony schickt die Entführten zum Ersteinsatz meist in die eigenen Dörfer. Ein teuflisches Rezept: Die Grausamkeiten, die sie dort an ihren Angehörigen und Nachbarn begehen mussten, machen sie zu Ausgestoßenen. Und selbst wenn ein Kind in sein Dorf zurückkehren darf, droht die erneute Entführung oder Schlimmeres.

An einem frühen Morgen begleiten wir eine völlig verstörte Erzieherin aus dem Auffanglager der örtlichen Organisation Gusco in ein Dorf im Busch. "Patrick ist tot", sagt sie, "unser bester Junge im Lager." Patrick, sechs Jahre Zwangssoldat der LRA, war schließlich entflohen und hatte nach drei Monaten im Auffanglager seine Rückkehr zur Familie verlangt. Die Rebellen kamen nachts gegen 23.00 Uhr, um den "Deserteur" hinzurichten. Das ganze Dorf war um das Grab versammelt, apathisch, hoffnungslos. "Die werden immer wieder kommen", meint einer, "und unsere Kinder holen. Niemand schützt uns gegen sie." Die Regierungstruppen versuchen das, aber ohne Erfolg. Der Busch ist weit, die Rebellen sind überall und nirgends. "Wir haben Befehl von oben, nicht auf Kinder zu schießen", klagt der Militärchef von Gulu, "wie aber sollen wir da gewinnen?"

Am Rande von Gulu betreut der französische Arzt Hervé Creuzeville Kinder, die auf besonders heimtückische Art zu Opfern wurden. Dem zwölfjährigen Geoffrey hat eine Landmine beide Beine abgerissen. Als die Rebellen sein Dorf angriffen, flüchtete er in den Busch. Sein Vater aber geriet in die Hände der Rebellen. Die erschossen ihn und ließen die Leiche am Dorfrand liegen. Geoffrey ging ins Dorf zurück, als sie abgezogen waren, und suchte seinen Vater. Er fand ihn. Als er näher treten wollte, geschah das Unglück. Die Rebellen hatten rings um die Leiche Minen gelegt.

Der Krieg in Norduganda geht ins elfte Jahr. Jeden Tag brennen Dörfer im Acholi-Land, werden Kinder entführt, ermordet oder zu Mördern gemacht. Der deutsche Pater Josef Gerner, der in der Provinz Kitgum seit Jahren Gemeindekinder betreut, hadert mit seinem Gott. Die Kinder, klagt er, seien doch des Herrgotts liebste Geschöpfe. Ohnmächtig fühle er sich, sagt er bitter, ohne jede Hoffnung auf ein Ende des Kriegs. Lange halte er das nicht mehr aus. Irgendwann werde er wohl von hier weggehen.

Film von Walter Heinz

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