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Kinder ohne Kindheit - Philippinen

Die traurigen Engel der Nacht

Die Sonne fällt schmutzig-rosé hinter den Horizont der Manila Bay. "Sir, you want school girl, or boy - möchten Sie ein Schulmädchen, oder einen Jungen?"

Der Mann deutet mit einer Kopfbewegung auf ein paar schmuddelige Kinder, die im Abgasdunst der Rush Hour zwischen den langsam dahinrollenden Autos hin und her wieseln und mit antrainierter Verzweiflung in den Gesichtern den Autofahrern zarte Jasminblüten und Kaugummipäckchen an die geschlossenen Scheiben drücken.
Nichts hat sich geändert seit dem letzten Mal. Derselbe hagere Mann, dieselbe obszöne Handbewegung, dieselbe Kreuzung am Roxas Boulevard. Nur die Kinder sind andere. Ich lehne ab. Der Mann hebt bedauernd die Schulter: "Maybe tomorrow - morgen vielleicht?"

Manila, dieser Neun-, Zehn- oder vielleicht sogar Zwölfmillionen-Moloch, diese schäbige, rottende, gewalttätige Drittweltmetropole jenseits der Schamgrenze ist wieder Thema für uns. Vor fünf Jahren haben wir hier schon einmal eine Reportage gedreht.

Sendetermin

Mo, 29.06.09, 04.15 Uhr

Die "traurigen Engel" waren vier Mädchen vom Kinderstrich: die elfjährige Evelyn, die gleichaltrige Rosmary, die dreizehnjährige Maribelle und ihre siebzehnjährige Zuhälterin Len-Len. "Es ist zwei Uhr nachts. Verbraucht, kaputt und ohne Illusionen sitzt die dreizehnjährige Maribelle mit ihren Blumen an der Straße. Aber wenn ein Mann, ein Freier, sie anspricht, dann wird sie lächeln." Das war der letzte Satz der Reportage von damals. Was mag aus den Kindern geworden sein?

Nun, nach fünf Jahren, kommen wir zurück. Wir wollen ihre Geschichte in einem neuen Film weiterschreiben. Doch wie findet man Straßenkinder wieder, nach so langer Zeit, im Chaos einer asiatischen Großstadt? Wir klappern alle Plätze und Orte ab, an denen sich die Kinder damals aufgehalten haben. Wir ziehen durch die Slums und die Parks, in denen sie zeitweise wohnten. Das Armenviertel, in dem Len-Len, die Zuhälterin, damals lebte, gibt es nicht mehr. Statt dessen klafft dort eine gewaltige Baugrube mit den Fundamenten für einen Hotelkomplex.

Wir suchen nachts den Strich ab - überall hinterlassen wir Nachrichten und unsere Adresse. Nach einer Woche gibt es immer noch keinen Rückläufer. Unsere Hoffnung, die Kinder wiederzufinden, schwindet langsam.

Dann, plötzlich, steht Evelyn in der Tür. Sie ist groß geworden, hübsch war sie schon damals. Aber alles Kindliche ist aus ihrem Gesicht verschwunden. Die Züge um ihren Mund sind viel zu hart für eine Sechzehnjährige. Evelyn holt eine Zigarette aus ihrer Tasche, zündet sie lässig an, pafft cool durch die Nase . und erzählt. Nach zwei Stunden und einer Schachtel Philipp Morris, die Evelyn hektisch raucht, wird klar: Evelyn selbst geht nicht mehr auf den Strich. Sie ist Zuhälterin geworden und "betreut" jetzt zwei fünfzehnjährige Mädchen. Mit dieser "Arbeit" ernähre sie ihre ganze Familie, erzählt sie, ihre Mutter und ihre fünf jüngeren Geschwister. Sie ist stolz darauf.

Auch Rosmary finden wir wieder. Sie lebt in einer Kiste, in einem Park, im Zentrum Manilas. Die Kiste riecht wie eine Tube Klebstoff. Schon damals hing Rosmary "an der Tüte", sie zog sich Lösungsmittel ins Hirn. Die Drogen haben sie gezeichnet. Man sieht es Rosmary an - sieben Jahre ihres Lebens hat die Sechzehnjährige auf der Straße verbracht. Sie lebt in einer Gruppe von Straßenkindern, die sie ihre "Familie" nennt. Gelegentlich ein Job, ein Deal, oder ein Freier - so halten sie sich über Wasser. Alles, was sie verdienen, teilen sie miteinander.

Rosemary geht immer noch auf den Strich. Im Gegensatz zu früher sind ihre Freier heute einheimische Männer. Für die Ausländer ist sie mittlerweile zu alt und zu ungepflegt. Seit zwei Tagen weiß sie, dass sie Syphilis hat. Der Doktor hat verlangt, dass sie aufhört, als Prostituierte zu arbeiten. Aber wovon soll sie dann leben? Der Doktor hat ihr auch eingeschärft, dass sie morgen wiederkommen muss, damit die Behandlung fortgesetzt werden kann. Doch zwischen heute und morgen liegt die Nacht. Morgen wird sie vergessen haben, dass eine tödliche Krankheit in ihr lauert.

Auch Len-Len, die Zuhälterin der Mädchen von damals, taucht wieder auf. Für zwei Jahre hatten die Behörden sie wegen Zuhälterei in eine Erziehungsanstalt gesteckt. Zu Evelyn, Rosmary und Maribelle hat sie keinen Kontakt mehr. Auf ihre Vergangenheit möchte sie nicht angesprochen werden. Sie verkaufe nur noch Blumen, sagt sie uns. Ihre Nachbarn sagen etwas anderes: Sie hätte immer noch gute Kontakte zu Ausländern. Und der Markt, der Kinder begehrt, floriert nach wie vor. Ist sie noch im Geschäft?

Wo ist eigentlich Maribelle? Die Dreizehnjährige war das älteste der drei Mädchen. Maribelle lebte auf der Straße, weil ihre Eltern sie verstoßen hatten. Sie fand Männer zum Kotzen, benutzte Kondome, sprach über Aids und war süchtig. Schon mit dreizehn hatte sie die Lust am Leben verloren. Wenn sie mit ihren Blumen an der Straße saß und auf Freier wartete, dachte sie über den Tod nach. Maribelle ist verschwunden. Wir haben sie nicht wiedergefunden.

Film von Christian Sterley

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