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Der Turmbau zu Potsdam

Die Garnisonkirche zwischen Versöhnung und Spaltung

Film von Lan-Na Grosse

In Potsdam soll eine Kirche auferstehen, deren historisches Erbe bis in die Gegenwart strahlt: die Garnisonkirche. Um den Wiederaufbau entspinnt sich ein Streit über die Deutungshoheit von Geschichte und öffentlichem Raum.

Fast 250 Jahre diente die Garnisonkirche der Inszenierung von Macht: erbaut von Preußens Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I., missbraucht von den Nationalsozialisten, gesprengt zu DDR-Zeiten von der SED. Heute steht hier fast nichts mehr – eine Wiese im Zentrum der Stadt. "Ich finde es immer problematisch, wenn man Denkmäler für alle Zeiten beseitigen kann, indem man sie sprengt und einfach weghaut. Wenn sie das hier als Brache lassen, kann man nur sagen: Wo nichts ist, da kann man auch nichts vermitteln und erklären", sagt Günther Jauch, der seit 20 Jahren in Potsdam lebt und 1,5 Millionen Euro für die Aussichtsplattform des geplanten Kirchturms gespendet hat. Allein für den Wiederaufbau des Kirchenturmes sind insgesamt 26 Millionen Euro veranschlagt, die Hälfte der Kosten übernimmt der Bund. Fünf Millionen Euro kommen von der Evangelischen Kirche. Und das spaltet die Gemeinden.

Sendetermin

Mo. 15.01.18, 16.00 Uhr

Rachearchitektur?

"Dieses Argument, wir müssen zeigen, was da 1968 mit der Sprengung passiert ist, das finde ich im Zusammenhang mit Versöhnung sehr fragwürdig. Das klingt nach Rachearchitektur, nach Vergeltungsarchitektur. Ich glaube, theologisch verheben wir uns damit völlig", sagt die Potsdamer Pastorin Hildegard Rugenstein, beherzte Kritikerin des Bauvorhabens. Für sie symbolisiert der Wiederaufbau der Kirche eine Solidarisierung mit den NS-Tätern. Hitler und Hindenburg reichten sich hier 1933 am sogenannten "Tag von Potsdam" die Hände. Das Bild wurde zum Symbol für die Machtübernahme der Nationalsozialisten. Der ehemalige Landesbischof Wolfgang Huber glaubt dennoch: "Nicht trotz dieser Geschichte, sondern gerade weil wir uns mit damit kritisch auseinandersetzen wollen und müssen, ist es gut, diesen Ort zu haben".

"Es war einer der schönsten Kirchtürme Europas. Der fehlt einfach", sagt der gebürtige Potsdamer und ehemalige Oberbürgermeister und Ministerpräsident Matthias Platzeck, ein weiterer prominenter Fürsprecher für den Wiederaufbau. Aber er erkennt auch: "Es gibt Dinge – und diese Weisheit muss man auch entwickeln – die man der nächsten Generation überlassen sollte."

Wem gehört die Stadt?

"Es geht hier doch vor allem um die Frage: Wem gehört die Stadt?", sagt André Tomczak, Kunsthistoriker und Gründer der Bürgerinitiative "Potsdamer Mitte neu denken". Er und seine Mitstreiter wollen eine Gentrifizierung der Stadtmitte verhindern und wünschen sich, dass auch die jüngere Geschichte ihren Stellenwert in Potsdam behält. Deshalb setzen sie sich für den Erhalt alter DDR-Bauten ein, wie zum Beispiel für das direkt neben dem geplanten Turmbau gelegene Rechenzentrum. Für die einen ist es ein "Plattenbau der Ostmoderne", für andere "sozialistische Notdurft-Architektur". Für Potsdams Künstler ist es vor allem einer der wenigen verbliebenen Orte mit bezahlbaren Ateliers. Das Problem: Das Rechenzentrum steht zum Teil auf dem Grundstück der Garnisonkirche, dort, wo einmal das Kirchenschiff stand. Und ist der Kirchturm erst einmal gebaut, wird auch das Schiff folgen, fürchten die Kritiker."Hier steht eine vierhundertjährige preußische Geschichte gegen einige Jahrzehnte DDR und beide haben den Anspruch, vorzukommen. Am Ende gibt es eine Mehrheitsentscheidung,” sagt Johannes Kahrs, haushaltspolitischer Sprecher der SPD im Bundestag. Seine Kollegin Gesine Lötzsch von der Linken widerspricht: “Das hat mit wirklich demokratischen Prozessen nichts zu tun, denn wir kennen das aus vielen Diskussionen, wo es heißt: Wenn wir das jetzt nicht entscheiden, dann springen die Spender ab. Also entscheiden potentielle oder wirkliche Spender darüber, was geschieht.” Beide mussten im Haushaltsauschuss darüber entscheiden, ob der Bund den Wiederaufbau finanziell fördern soll – am Ende setzten sich die Befürworter mit den Stimmen der Großen Koalition durch.

Ende Oktober wurde der Baustart des Kirchturms mit einem Gottesdienst eingeläutet – nach jahrelanger Vorbereitung und jahrzehntelangem Ringen. Begleitet wurde die Veranstaltung von heftigen Protesten. Sie zeigen: Der Streit um die architektonische und gesellschaftliche Gestaltung der Stadt geht auch nach dem Baubeginn weiter. Es ist ein Streit zwischen Reich und Arm, zwischen Ost und West, Links und Rechts, Jung und Alt. Ein Streit, der die Stadt spaltet – um einen Bau, der Versöhnung schaffen will.

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