Inhalt

Balkan Express: Türkei

Aufbruch am Bosporus

Istanbul, die inzwischen größte europäische Stadt, ist ein Schmelztiegel und auf dem besten Weg, zum wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum der gesamten Region zu werden. Doch hier zeigen sich auch die ethnischen und sozialen Konflikte der Türkei so klar wie an keinem anderen Ort.

Die Stadt ist in den vergangenen 40 Jahren auf ca. elf Millionen Einwohner gewachsen. Aus der alten, gemächlichen Großstadt am Bosporus ist eine Megalopolis geworden. Die Zuzügler stammen meist aus dem Osten Anatoliens. Sie kamen und bauten auf Staatsland Baracken und Hütten. Inzwischen sind aus den Hütten mehrstöckige Häuser geworden und die neuen Einwanderer machen der alten Elite Istanbuls Konkurrenz. Ihre Entwicklung spiegelt die Entwicklung der gesamten Türkei wider. Überall verdrängen neue Mitbewerber, die es durch Fleiß, Eigeninitiative und den Rückhalt starker Familienbande zu etwas gebracht haben, die angestammten, in Militär und Staatsbürokratie verankerten Eliten. Die politischen Krisen des Jahres 2008 in der Türkei spielen vor diesem Hintergrund: dem "Kopftuchstreit", dem Versuch, die regierende Partei AKP durch das oberste Gericht verbieten zu lassen, und die Verhaftungswelle gegen mutmaßliche Putschisten und Organisatoren politischer Morde. Der Film porträtiert Menschen in Istanbul, die diese verschiedenen Bevölkerungsschichten und Entwicklungen repräsentieren.

Murat Belge ist Professor für Vergleichende Literatur an der renommierten Bilgi-Universität und ein in der Türkei vielgehörter Kolumnist und Publizist. Er führt in seiner Freizeit alteingesessene Istanbuler und Neueinwanderer durch die Stadt und zeigt ihnen die Überreste "seines" untergegangenen, kosmopolitischen Istanbul, dessen griechische, jüdische, armenische Bewohner heute in alle Winde zerstreut sind.
Mit den Schattenseiten der Einwanderung ist die Vizebürgermeisterin des Viertels Kadiköy auf der asiatischen Seite bestens vertraut. Inci Bespinar ist die einzige Frau in ganz Istanbul, die einen solchen Posten bekleidet. Sie leistet in Kadiköy seit 15 Jahren Frauenarbeit, baut Kindertagesstätten und Ausbildungszentren auf, in denen vor allem Einwanderinnen aus dem Osten Lesen, Schreiben und einen Beruf lernen.
Der "Kopftuchstreit" hat zu einer Verfassungskrise und beinahe zum Verbot der AKP geführt. Die Journalistin und Filmemacherin Ayse Böhürler ist eine der betroffenen Frauen. Die Mitbegründerin der AKP trägt Kopftuch. Damit stand sie als Fernsehjournalistin sowie als Politikerin von Anfang an im Abseits. Sie durfte nicht Parlamentarierin werden und Arbeit vor der Kamera kam nur bei einem religiösen Sender in Frage. "Niemand will die Scharia", sagt sie. Aber sie will auch kein Verbot für traditionell empfindende Frauen, die sich in die moderne Gesellschaft eingliedern wollen.

Sendetermine

Sa, 13.06.09, 12.15 Uhr

So, 14.06.09, 19.15 Uhr

Die Frauenfrage in der Türkei hat die Sozialwissenschafterin Nigar Göksel untersucht. Die ehemalige türkische Meisterin im Springreiten ist selbst bestens mit den alten Eliten der Türkei vernetzt. Doch sieht sie im verstärkten Auftreten "verschleierter" kopftuchtragender Frauen in der Türkei ein Indiz der Liberalisierung des Landes. Frauen, auch diejenigen aus den sehr traditionellen Familien, sind nun besser ausgebildet und wollen den öffentlichen Raum erobern. So sieht das auch Ishak Alaton, einer der reichsten Unternehmer des Landes. Alaton ist Spross einer der alten jüdischen Familien Istanbuls. In den 1960er Jahren hat er begonnen, sein Imperium aufzubauen. Jetzt ist er Herr eines globalen Technologie- und Baukonzerns. Für Istanbuls Stadtverwaltung baut er unter anderem die neue Metro. "Die Klassenschranken sind weniger wichtig als früher, jetzt begegnen sich die verschiedenen Kulturen und Schichten", sagt Ishak Alaton. Er glaubt, dass dieser Prozess unumkehrbar ist. Der international preisgekrönte Geologe und Starwissenschaftler Celal Sengör dagegen sieht im Erfolg der AKP und der konservativen, islamisch orientierten Mittelklasse die Vorboten einer möglichen Iranisierung der Türkei. Die alten europäisierten Eliten, zu denen er gehört, seien auf dem Rückzug. Dass die AKP im Sommer nicht verboten wurde, ist für ihn eine Enttäuschung.

Eine große Erleichterung war das Urteil Ende Juli für Yasemin Congar. Die stellvertretende Chefredakteurin der linksliberalen neuen Tageszeitung "Taraf" war jahrelang Washington-Korrespondentin der staatsnahen Tageszeitung "Milliyet". In ihrem neuen Blatt verantwortet sie täglich neue Enthüllungen, die dem militär-bürokratischen Establishment schwer zusetzen. Täglich muss sie um die Schließung ihrer Zeitung fürchten. Doch die Zeiten ändern sich. Taraf könnte als eine der ersten Zeitungen des Landes eine wirklich unabhängige Berichterstattung ermöglichen.
Den Versuch, Tabus zu brechen und die verdrängte multikulturelle, multireligiöse und multiethnische Wirklichkeit und Geschichte der Türkei zum Thema zu machen, hat der armenische Journalist Hrant Dink mit dem Leben bezahlt. Seine Anwältin Fehtiye Cetin erinnert sich an Dink und daran, wie in der Türkei unbequeme Zeitgenossen mit jedem möglichen gesetzlichen Mittel, und wenn nötig, durch Gewalt zum Schweigen gebracht wurden. Nicht schweigen wird Perihan Magden. Die erfolgreiche und auch international renommierte Schriftstellerin ("Zwei Mädchen") stand wegen ihrer Äußerungen über das Militär schon elfmal vor Gericht. Scheitert ihre Revision, geht sie bald ins Gefängnis oder ins Exil. Die jetzt verhafteten "Ergenekon"-Putschisten und -Verschwörer standen bei ihren Prozessen im Publikum, ebenso wie bei ähnlichen Prozessen gegen Dink, gegen Nobelpreisträger Orhan Pamuk und die Schriftstellerin Elif Shafak. "Ein Omen, wie in einem Stephen-King-Horrorfilm", sei deren Auftreten gewesen. Sie hofft, dass die Zeiten des Terrors vorbei sind und die Türkei nun endgültig ihren Weg in eine europäische Zukunft gehen kann.

Eine Dokumentation von Peter Behringer

Seite Drucken nach oben

Fußzeile


 
Top | Zurück