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14 Arten, den Regen zu beschreiben

Film von Marcel Ahrenholz

"14 Arten, den Regen zu beschreiben" ist ein Dokumentarfilm über die Mutter eines psychisch kranken Jungen und ihren Kampf gegen die Psychiatrie, die Gesellschaft und letztlich gegen sich selbst. Die Dokumentation wurde mit dem phoenix Förderpreis ausgezeichnet.

Mit dreizehn hat sich Manuelas Sohn Peter in sein Zimmer eingeschlossen, mit achtzehn sind die wenigen Quadratmeter längst zu seiner Welt geworden. In schlechten Phasen verlässt er sie nur, um in der Tür gegenüber, im Bad zu verschwinden. In guten Zeiten setzt er sich für einen Moment zu ihr an den Tisch. Sein Vater und seine Großeltern haben längst die Geduld und das Verständnis für ihn verloren. Einzig Manuela geht seit Jahren mit ihm – einen Schritt vor und zwei zurück. An ihrer Seite ihr jüngeres Kind Hans, aber die Fürsorge um ihren "verlorenen Sohn" hat ihre Aufmerksamkeit und ihr eigenes Leben fest im Griff.

Was tut man, eingeschlossen auf 14 Quadratmetern? Und was, wenn man von diesen paar Quadratmetern ausgeschlossen ist? Wie verändert sich das Leben einer Familie, die mit einem Kind zusammen lebt, das sie längst verloren hat? Jede Nacht, in der ihr Sohn sich hinaus wagt, um eine Runde um den Block zu gehen, jeder Moment, in dem er die Regentropfen auf seiner Haut wieder wahrnimmt, ist ein Augenblick des Glücks.

Der Film "14 Arten, den Regen zu beschreiben" ist in erster Linie das Porträt einer Familie, die auf das Äußerste gefordert wird. Die Vorstellung, sein Kind hinter einer verschlossenen Tür zu verlieren, ist für jeden von uns schmerzhaft, lässt uns aber gleichzeitig auf das Wesentliche der Eltern- und Geschwisterliebe zurück besinnen. Das Phänomen Hikikomori ist keine Zukunftsvision, sondern bereits heute Ausprägung eines Ungleichgewichts von individuellen Bedürfnissen und modernen gesellschaftlichen Anforderungen. Es ist ein psychologisches Phänomen, das unmittelbarer Spiegel unserer Gesellschaft ist.

Sendetermin

Mo. 12.02.18, 05.15 Uhr

Die Entwicklung von der Industriegesellschaft hin zur Wissens- und Informationsgesellschaft erfordert eine enorme Veränderungsbereitschaft und Anpassungsfähigkeit. Ein Leben, das durch Risiko, Konkurrenz und Leistungsdruck gekennzeichnet ist, bringt viele Menschen an ihre physischen und psychischen Grenzen. Und darüber hinaus. Vor allem Kinder sind dieser rasanten Beschleunigung und dem Stress der stetig wachsenden Anforderungen immer seltener gewachsen. Getrieben von dem Gefühl, in die Welt geworfen und gleichzeitig von ihr enthoben zu sein, und unfähig, sich ihr anzupassen, dient ihnen das Zimmer als letzter Ort persönlicher Kontrolle, als "Welt" in der Welt.

Interview mit dem Regisseur Marcel Ahrenholz

Als Sie 2009 mit dem phoenix-Förderpreis ausgezeichnet worden sind, hatten Sie da bereits Kontakt zu Melanie, 'Peters Mutter', der Protagonistin des Films?

Nein, den gab es damals noch nicht. Zu dem Zeitpunkt sollte der Film
noch mit einer anderen Familie gedreht werden, zu der ich bereits lange Kontakt hatte. Wir waren damals kurz vor Drehbeginn, hatten schon viele Begegnungen und Gespräche - und dann sind sie ganz kurzfristig und für alle überraschend abgesprungen. Was bei dem Thema des Films aber auch nicht wirklich verwundert. Ich konnte die Ängste der Betroffenen sehr gut verstehen, sich und ihre Probleme so offen vor der Kamera darzulegen.

Wie kamen Sie auf das Thema 'sozialer Rückzug bei Jugendlichen' für Ihr Filmprojekt?

Auf das Thema bin ich in einem Zeitungsartikel gestoßen, in dem von den japanischen Hikikomori berichtet wurde: Jugendliche, die sich in ihre Zimmer zurückziehen und es für mehrere Jahre nicht mehr verlassen. Diese Geschichten nahmen mich sofort gefangen und ich suchte gespannt nach weiterem Material. Da im Internet, in Zeitungsartikeln und Büchern aber nur von diesem speziellen japanischen Phänomen die Rede war, kristallisierte sich bei mir nach und nach die Frage heraus, ob es hier in Deutschland etwas ähnliches gibt. Ich begann Kontakt mit Kliniken in ganz Deutschland aufzunehmen und fand heraus, dass es auch hier Jugendliche gibt, die sich in ihre Zimmer zurückziehen und diese nicht mehr verlassen. In einem Gespräch mit der Produzentin Melanie Andernach wurde dann schnell klar, dass der Stoff ein großes Potential für ein Filmprojekt in sich birgt.

Zwei der wichtigsten inhaltlichen und ästhetischen Überlegungen, die heute auch den fertigen Film charakterisieren, gab es damals schon: Aufgrund meiner Gespräche mit betroffenen Familien, Ärzten und Psychologen und auch mit ehemals betroffenen Jugendlichen wurde mir schnell klar, dass ich die Jugendlichen nicht zeigen wollte. Ein Film über Menschen, die sich aus der Welt zurückziehen, die für ihre Mitmenschen und sogar ihre Familien nicht mehr sichtbar sind, darf diese Menschen nicht im Bild zeigen, sondern muss den Eindruck des Verschwindens, des Geisterhaften mit dem Zuschauer teilen. Das war das eine. Der andere Punkt war, dass ich weder die Krankheit erklären noch Ursachenforschung betreiben wollte. Mir ging es darum, dem Zuschauer die Möglichkeit zu geben, am Alltag einer Familie teilzuhaben, die mit einem solchen Problem zu kämpfen hat. Ich wollte zeigen, was es bedeutet, wenn man ein Kind Stück für Stück verliert, obwohl oder gerade weil es hinter der nächsten Tür sitzt. Ich wollte den Kampf um Normalität, die Hoffnungen und Rückschläge dokumentieren.

Sie haben eine Langzeitstudie vorgelegt, waren in ständigem
Kontakt mit Peters Mutter. Wie liefen die Dreharbeiten konkret ab?

Der Drehzeitraum umfasste ein Jahr. Konkret lief es so ab, dass ich mit meinem Kameramann Andreas Köhler in Abständen von ungefähr vier bis sechs Wochen jeweils vier bis fünf Drehtage bei der Familie hatte. Zwischen den Drehs habe ich regelmäßig mit Manuela gesprochen und mich mit ihr getroffen, so dass ich wusste, wenn besondere Termine anstanden oder sich Entwicklungen abzeichneten, die ich in den Film aufnehmen wollte. Das Drehteam bestand auch nur aus Andreas Köhler an der Kamera und mir am Ton.

Aufgrund der besonderen Belastung durch ein Drehteam wollte ich der Familie keine wechselnden Teams zumuten. Kontinuität war in diesem Punkt für mich essentiell. Mir war auch wichtig,das Team möglichst klein zu halten, um die besondere Intimität zu wahren.

Haben Sie selbst mit Peter gesprochen, zu Drehbeginn oder nach Abschluss des Filmprojekts?

Wann haben Sie die Dreharbeiten abgeschlossen und wie lange dauerte
es danach, den Film fertigzustellen?

Die Dreharbeiten waren im Winter 2011 abgeschlossen. Schnitt, Sounddesign, Musik und die ganze technische Postproduktion hat dann noch einmal ein Jahr in Anspruch genommen.

Haben Sie aktuell, nach Fertigstellung des Films, noch Kontakt und wie ist die Situation von Manuela und Peter heute?

Der Kontakt existiert noch, was mich auch sehr freut. Natürlich ist er nicht mehr so eng wie zum Zeitpunkt des Drehs, aber wir schreiben uns regelmäßig und hin und wieder sehen wir uns auch. Was Peter betrifft, so hat sich an der grundlegenden Situation nicht viel geändert. Wie auch im Film zu sehen ist, gibt es immer Bewegung, mal geht es bergauf, dann gibt es wieder einen Rückschlag. Aber letztlich sind die vier Wände seines Zimmers noch immer eine Grenze, die schwer zu überwinden ist.

Hikikomori
Hikikomori heißt auf japanisch "sich einschließen" und bezeichnet in Japan das soziologische Phänomen des Sich-Einschließens von Jugendlichen. Auch die Betroffenen selbst werden dort so bezeichnet. Sie ziehen sich in der Vollausprägung von sämtlichen sozialen Kontakten zurück. Als Ursache werden vor allem die hohen Erwartungen der Gesellschaft gesehen, von denen sich besonders Jugendliche oft überfordert fühlen. Therapiert werden Betroffene durch psychiatrische oder soziologische Verfahren.

Ich habe vor Drehbeginn und auch während des Drehs immer wieder versucht, mit Peter Kontakt aufzunehmen. Was natürlich eine Gratwanderung ist, weil man auch keinen Druck aufbauen darf. Während der Dreharbeiten gab es hin und wieder mal kurze, überraschende Begegnungen, wenn er vielleicht gerade zufällig ins Bad ging oder sich was zu essen holen wollte. Das erste richtige Gespräch hatten wir ungefähr in der Mitte der Dreharbeiten, also nach einem halben Jahr. Aber ich glaube wir waren beide zu aufgeregt, um aus dieser 30-minütigen Unterhaltung etwas Konkretes zu machen. Und dann trat aber das ein, womit eigentlich niemand gerechnet hatte: und zwar hat sich Peter am vorletzten Drehtag des Projekts, also nach 12 Monaten Arbeit, für ein Interview neben seiner Mutter vor die Kamera gesetzt. Ich konnte zwei oder drei Fragen stellen, die vor allem seine Klinikaufenthalte betrafen und dann war es auch schon wieder vorbei. Das sind bis heute die einzigen Begegnungen geblieben. Aber ich hoffe sehr, dass ich irgendwann nochmal die Chance bekomme mit ihm zu reden.

Hat er den Film bereits gesehen und gab es Reaktionen?

Soweit ich weiß hat er den Film gesehen, gemeinsam mit seiner Familie, und er hat ihm auch gefallen.

An welchen Projekten arbeiten Sie gerade?

Es gab nach der Fertigstellung von 14 Arten mehrere Projekte, an denen ich gearbeitet habe, Dokumentar- und Spielfilme. Die sind momentan aber alle beiseitegelegt. Ich bin inzwischen selber Vater geworden und mache zurzeit eine Tischlerlehre. Ob eines der geplanten Projekte noch einmal aufgegriffen wird, steht momentan noch in den Sternen.

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