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Allrounder in den Sternen

Thomas Reiter forscht für den Langzeit-Aufenthalt im All

Carl-Ludwig Paeschke und Michael Krons, die beiden Kommentatoren der Sendereihe "ALL-Tag", mit der PHOENIX, der Ereignis- und Dokumentationskanal von ARD und ZDF die Thomas-Reiter-Mission auf der ISS für die nächsten sieben Monate begleiten wird, beobachten den Start des Discovery-Shuttles aus dem Kontrollzentrum Oberpfaffenhofen. Die beiden Redakteure haben im Vorfeld der Mission ausführliche Gespräche mit Thomas Reiter zu den Missionszielen geführt und sich ein Bild von seiner Persönlichkeit machen können.

Die Crew der Raumfähre "Discovery"

Die Crew der "Discovery" (Quelle: DLR.de)

PHOENIX.online: Wie wahrscheinlich ist ein erneuter Startabbruch zum jetzigen Zeitpunkt?

Michael Krons: Dazu haben wir noch keine aktuellen Angaben: Hier in Oberpfaffenhofen gibt es ein paar kleiner Kommunikationsprobleme, wir können die NASA-Website momentan nicht erreichen.

Carl-Ludwig Paeschke: Wir wissen nur, dass der Abbruch am 01. Juli durch ein reines Wetter-Problem bedingt wurde.

Krons: Die Großwetterlage über Florida ist momentan sehr ungünstig. Es gibt viel Feuchtigkeit in der Luft, viele kleinere Gewitter, viele Wolken und viel Nässe. In den Startrichtlinien der NASA ist dazu festgehalten, dass es im Umkreis von 20 nautischen Meilen um den Startplatz auf Cape Canaveral keine Gewitter geben darf.

Paeschke: Man muss dazu wissen, dass Blitzeinschlag bei einem Shuttle - anders als bei einem Flugzeug - zu einer Katastrophe führen kann. Außerdem können Shuttles erst nach Abwurf der Feststoff-Booster und des Haupttanks ähnlich wie ein Flugzeug navigieren - davor ist das ausgeschlossen. Deshalb wäre ein Umfliegen einer Schlechtwetter-Wand - ähnlich wie das ein Flugzeug kann - beim Start auch ausgeschlossen, das Shuttle würde den Orbit bei einem nahenden Gewitter nicht erreichen.

PHOENIX.online: Sie haben angesprochen, dass es sich am 01. Juli um ein reines Wetterproblem handelte, das zum Startabbruch geführt hat. Sind die technischen Probleme, die es bei Starts in der Vergangenheit immer wieder einmal gegeben hat, mittlerweile abschließend gelöst?

Krons: Nein, leider nicht. Das Problem der Isolierung existiert weiter, man hat mehrere Quadratmeter Verkleidung des Haupttanks abgenommen. Allerdings muss man jetzt verstärkt darauf achten, dass Sauerstoff und Wasserstoff, die bei minus 252 Grad Celsius gekühlt im Tank vorliegen, eine Temperatur von plus 3,2 Grad nicht überschreiten, deshalb gibt es die Isolierung: Von dieser können sich nach wie vor - wie auch beim letzten Start - verschiedene Teile lösen, womit immer zu rechnen ist. Außerdem gibt es nach wie vor Probleme mit den Ventilen und - neuerdings - auch wieder mit der Elektronik.

Paeschke: Man hat in Sachen Sicherheit einiges verändert. So gibt es 172 Kameras, die rund um das Shuttle aufgebaut sind und den Start aus den verschiedensten Perspektiven verfolgen: Deshalb startet auch das Shuttle bei Tageslicht, damit die Kameras Beschädigungen der Außenhülle sofort erkennen können. Zusätzlich sind viele Kameras - auch im und am Shuttle - mittlerweile keine Filmkameras mehr, sondern Digitalkameras. Das hat den Vorteil, dass man nicht auf Auswertungen nach dem Flug warten muss, sondern schon beim Start selbst dann Bilder übertragen bekommt.

Krons: Die NASA wird um etwa 2.30 Uhr heute Nacht eine Pressekonferenz durchführen, die bei PHOENIX live übertragen wird. Auf dieser Konferenz wird anhand der Videoaufzeichnung über den Zustand des Shuttles nach dem Start berichtet, also, ob es Beschädigungen gibt, welche Auffälligkeiten bemerkt worden sind etc. Sollte der Starttermin erneut verschobenw erden, verschiebt sich verständlicherweise auch diese Konferenz.

PHOENIX.online: Sollten Beschädigungen aufgetreten sein, gibt es da die Möglichkeit, diese zu flicken?

Krons: Material zum flicken ist vorhanden und ein Astronaut auf der ISS ist ausgebildet, Reparaturen am Shuttle durchführen zu können.

Paeschke: Die Discovery ist eben ein mittlerweile 20 Jahre altes Gefährt, das in der Vergangenheit selbst 32 Flüge durchgeführt hat und dabei sehr großen Belastungen ausgesetzt war. Sie gilt als das Arbeitstier der NASA - ist aber dafür erstaunlich robust.

PHOENIX.online: Wie war die Stimmung der Crew nach dem gestrigen Abbruch?

Krons: Wer Astronaut werden will, muss besondere Fähigkeiten mit sich bringen. Es handelt sich dabei um Menschen, die einerseits mental ganz besonders geschult sind und andererseits schon als Grundvoraussetzung eine sehr ausgeglichene Psyche mit sich bringen: Thomas Reiter selbst ist ein sehr freundlicher Mensch, den so gut wie nichts aus der Fassung bringen kann. Trotzdem ist natürlich ein Abbruch aus schlechten Witterungsbedingungen für alle Beteiligten sehr ärgerlich, aber es stellt keine außergewöhnliches Prozedere dar, sondern es kommt halt manchmal vor.

PHOENIX.online: Wie ist das ganze Prozedere im Vorfeld des Starts angelegt - wie geht man im Vorfeld mit den verschiedenen Problemen, die beim Start auftreten können, um?

Krons: Das Prozedere etwa des Countdowns geht schon Wochen vor dem eigentlichen Start los. Zu diesem Zeitpunkt sind natürlich die Witterungsverhältnisse am Starttag noch nicht bekannt. In dieser Wochen vorher beginnenden Planung fließen viele Dinge ein. Das Hauptproblem bei diesem Start sind nach wie vor Sicherheitsfragen: Wie bekommen wir die bekannten Probleme um die Ventile und um die Isolierung - und die kurzfristig um die Elektronik aufgetretenen Probleme - bis zum Starttermin in den Griff? Man muss dazu sagen, dass die Ventil- und Kachel-Probleme nach wie vor nicht definitiv gelöst sind. Die US-Journalisten, die mit diesen Problemen sehr vertraut sind, fragen im Vorfeld auch sehr intensiv nach speziellen Einzelproblemen und sind sehr tiefgründig bis auf die Detailebene informiert.

Paeschke: Bei den Pressekonferenzen wird deutlich, dass man vor dem Start im Bereich der Sicherheit auf das höchste Level herangeht - aber es gibt eben neuralgische Punkte, die nicht definitiv gelöst sind. Die Discovery und das Shuttleprogramm sollen ja 2010 außer Dienst gestellt werden. Mit dem heutigen Flug sind solange noch 16 Flüge geplant: Um diese zu gewährleisten, sind umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen durchgeführt worden: So wurden 16 Kilogramm Isoliermaterial vom Haupttank entfernt, darunter zwei kreisförmige um den Tank liegende Stücke. Außerdem wurden 88 zusätzliche Sensoren eingebaut, die vor allem die Temperatur und die Beschleunigung messen sollen.

Michael Krons

Michael Krons

Krons: Dies Maßnahmen ziehen dann allerdings auch immer wieder Störfälle nach sich: Wie bei einem Auto kann auch beim Spaceshuttle ein Sensor auch mal einen Fehler oder eine kleine Macke haben und einen falschen Wert anzeigen. Das führt dann dazu, dass das ganze Programm gestoppt wird, das Prozedere heruntergefahren wird und nach dem Motto "Sicherheit zuerst" alle erdenklichen Fehlerquellen überprüft werden. Das führt dann dazu, dass die Timeline, wie die NASA-Kollegen es ausdrücken, immer wieder ins Stocken gerät.

Paeschke: Zu diesen neuen Sicherheitsmaßnahmen gehören auch Maßnahmen, die den Start und die Landung besser dokumentieren, wie beispielsweise die bereits vorhin beschriebenen Digitalkameras, die Daten direkt zur Bodenstation übertragen. Aber auch ganz kuriose Dinge, wie beispielsweise ein neues Soundsystem des Spaceshuttles.

PHOENIX.online: Ein neues Soundsystem - was müssen wir uns darunter vorstellen?

Paeschke (lacht): Naja, die Shuttles brauchen das Soundsystem nicht, damit die Besatzung ein Beethovenkonzert in besserer Qualität hören kann, sondern wegen der Vögel. Das Spaceshuttle startet ja in einem Naturschutzgebiet. Und beim letzten Start gab es wohl eine Kollision zwischen dem Shuttle und einem Geier. Dieser so genannte Vogelschlag stellt schon bei der normalen Luftfahrt ein Problem dar, umso mehr ist es beim Spaceshuttle und der empfindlichen Isolierung am Haupttank ein Risiko. Deshalb haben die Shuttles wohl ein Soundsystem, um im Ultraschallbereich Töne auszustoßen, die die Vögel dazu verleitet, aus der Flugbahn des Shuttles zu fliegen. (lächelt noch mal) Man stelle sich mal vor: Als Geier fliegen Sie friedlich über Florida - und plötzlich streift sie die Discovery…

PHOENIX.online: Was für Aufgaben hat Thomas Reiter in der ISS? Wie sieht sein normaler Tagesablauf aus?

Krons: Thomas Reiter ist zuständig für die Navigation in der ISS, soll also neben seinen Experimenten mit dafür sorgen, dass die ISS auf ihrem Kurs im Orbit bleibt. Außerdem ist er für die Instandhaltung der ISS zuständig - man könnte vereinfachend sagen, er ist der Hausmeister der Internationalen Weltraumstation. Daneben ist er derjenige, der für die Gesundheit der aller Crew-Mitglieder verantwortlich ist: Er hat zum einen eine spezielle Erste-Hilfe-Ausbildung erhalten. Dazu werden von allen Crewmitgliedern mittels Sensoren in ihren Bordanzügen Gesundheitsdaten an die Bodenstation des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Köln geliefert, die auch im Krankheitsfall die Ferndiagnose erstellen. Von diesen bekommt Thomas Reiter dann genaue Instruktionen, was er im Einzelfall an Medikamenten zu verabreichen hat.

Paeschke: Ein Hauptproblem in der Schwerelosigkeit ist ja der Muskelschwund: Deshalb haben die Astronauten auch diese Fahrräder, auf denen sie täglich fahren, um den Muskelschwund aufzuhalten. Außerdem verlagert sich bei längeren Aufenthalten im Weltall Wasser aus den Extremitäten in den Rumpf und in den Kopf. Das alles sind Probleme, die noch nicht hundertprozentig gelöst sind. Und genau diese Problemlösung bei Langzeit-Weltallaufenthalten ist Hauptbestandteil der Thomas-Reiter-Mission - er arbeitet also daran, Menschen für längere Missionen im All vorzubereiten.

Krons: Es geht dabei nicht nur um die Erhaltung der Arbeitsfähigkeit, sondern auch darum, wie beispielsweise die Probleme der Schwerelosigkeit bei einem Marsflug eingedämmt werden können. Dieses Missionsziel der NASA steht dabei in enger Anlehnung an die durch den US-Präsidenten angekündigten Vorbereitungen zu einer Mars-Mission im laufenden Jahrzehnt.

PHOENIX.online: Wie gut ist Reiter Ihrer Meinung nach auf die Mission vorbereitet? Welchen Eindruck machte er auf Sie?

Krons: Wenn man sich seinen Lebenslauf vornimmt, zeigt sich schnell, dass er hervorragend geschult ist. Thomas Reiter hat Luft- und Raumfahrt und all' das, was physikalisch die Grundlagen für den Raumflug bildet, studiert. Er ist außerdem Testpilot, hat die höchste Lizenz-Klasse, die im Bereich der Testpiloten zu vergeben ist, fliegt außerdem 15 verschiedene Flugzeugmuster und hatte bereits einen All-Flug. Er hat mal selbst von sich gesagt, dass er das Shuttle zwar fliegen könnte, es aber nicht dürfe, weil er die Lizenz nicht habe. Allerdings hat er wohl eine russische Lizenz, um die SOJUS-Raumkapsel zu fliegen.

Wir konnten mit Thomas Reiter ausführlich im Rahmen der Vorbereitungen sprechen. Sie dürfen nicht vergessen, dass er gezeigt hat, dass er höchste Belastungen aushalten kann, man merkt ihm den Stress nicht an. Er hat unzweifelhaft die Fähigkeit durch Ausbildung und Charakter erhalten, eine sehr ausgeglichene Gefühlswelt darzustellen, verliert nie die Nerven und ist immer gleich freundlich aufgelegt. Das sind sehr wichtige Voraussetzungen, um auf so engem Raum miteinander auszukommen. Man muss teamorientiert sein und sich auch unter schwierigen Bedingungen mit den Kollegen gut verstehen. Sie kennen das sicher selbst: Manchmal möchte jeder nach dem Aufstehen die erste Viertelstunde niemanden sehen, weil er schlechte Laune hat. Auf der ISS gibt es das nicht, es ist kein Privatbereich vorhanden: Selbst der Gang auf die Toilette findet nur hinter einem Vorhang statt.

PHOENIX.online: Was hat PHOENIX dazu bewogen, die Medienpartnerschaft zur DLR und der Thomas-Reiter-Mission zu übernehmen?

Paeschke: PHOENIX hat sich als Ereignis- und Dokumentationskanal von ARD und ZDF schon seit vielen Jahren eine mediale Kompetenz in der Luft- und Raumfahrt erworben. Wir führen seit vielen Jahren Thementage durch, berichten aus der Geschichte der Raumfahrt und vom internationalen Tag der Raumfahrt. Außerdem werden diese Themen durch den Zuschauer sehr gut wahrgenommen. Ebenso ist PHOENIX als einziger Sender in Deutschland durch sein spezifisches Sendeschema in der Lage, schnell große Programmflächen für aktuelle Ereignisse vorzuhalten. Durch diese Strecken können wir - getreu dem PHOENIX-Motto - "das ganze Bild" auch im All bieten.

PHOENIX.online: Was werden wir in den nächsten sieben Monaten im PHOENIX Programm mitverfolgen können?

Krons: Wir werden drei wöchentliche Sendungen durchführen. Diese werden immer um 22.45 Uhr laufen, je 15 Minuten lang sein und auch Zusammenfassungen von Thomas Reiter aus der ISS beinhalten. Montags findet ein Rückblick auf das Wochenende und eine Vorschau auf die nächste Woche statt. Mittwoches beschäftigen wir uns stärker mit naturwissenschaftlichen Experimenten und Freitags wird die aktuelle Situation der Mission mit den Verantwortlichen am Boden besprochen. Die ersten beiden Sendungen kommen aus Bonn, die restlichen danach auf Oberpfaffenhofen.

Paeschke: Außerdem gibt es immer Samstags um 21.45 Uhr eine Wochenzusammenfassung, die etwa 30 Minuten läuft. Aber, wie schon gesagt, die Programmstruktur von PHOENIX lässt es eben zu, dass immer bei besonderen Ereignissen große Strecken durchgeführt werden, so beispielsweise am vierten August, wenn Thomas Reiter einen Weltraumausflug vornimmt. Der wird dann großflächig übertragen.

Krons: Man kann sagen, dass wir uns dem Weltall und der Thomas-Reiter-Mission in den nächsten Monaten unter dem Label "All-Tag" in rund 100 Sendungen annehmen.

Paeschke: Sozusagen: PHOENIX goes Orbit!

PHOENIX.online: Herr Paeschke, Herr Krons - vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview mit Carl-Ludwig Paeschke und Michael Krons führte der PHOENIX.online-Redakteur Gregor J. Mayer unmittelbar vor dem geplanten Start der Discovery am 2. Juli 2006.

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