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"Hoch gepokert und verloren ..."
Wolfgang Orscheschek (DPolG) über die Loveparade
Gregor J. Mayer (PHOENIX.online) sprach über die Verantwortung des Loveparade-Unglücks mit Wolfgang Orscheschek, Polizist in Duisburg, stellvertretender Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) - und am Loveparade-Samstag im Einsatz.

Wolfgang Orscheschek (Quelle: privat)
PHOENIX.online: Herr Orscheschek, Sie erheben Vorwürfe gegen den Veranstalter der Loveparade. Was genau werfen Sie der Lopavent GmbH vor?
Orscheschek: Wer in den letzte Monaten die Diskussion um die Loveparade in den Medien verfolgt hat, der konnte deutlich erkennen, was da passiert ist: Der Veranstalter hat, vermutlich aus finanziellen Interessen, erkennbar Druck auf die Stadt Duisburg aufgebaut, dabei auch die Medien genutzt. Dieses hat dazu geführt, dass Landespolitiker eindeutig Stellung für die Durchführung der Loveparade bezogen haben – auch und gerade im Zusammenhang mit der Kulturhauptstadt Europas "Ruhr.2010".
PHOENIX.online: Wie genau muss man sich das vorstellen?
Orscheschek: Ursprünglich war die Loveparade in Berlin. Nachdem dort die Möglichkeit weggefallen ist, ist man ins Ruhrgebiet umgezogen: Hier hatte man Verträge mit fünf Städten abgeschlossen, u.a. auch mit Duisburg. Zwei Loveparades wurden durchgeführt, in Bochum fiel sie letztes Jahr aus Sicherheitsbedenken aus. Natürlich hat der Veranstalter jetzt Angst bekommen und war hochgradig daran interessiert, dass die Loveparade 2010 unbedingt durchgeführt wird. Das hat aus meiner Sicht zu der Einflussnahme auf die Landespolitik geführt, in den Medien hat man ein Szenario erstellt, dass auch im Rahmen von "Ruhr.2010" die ganze Welt auf Duisburg schaue und bei einer Absage ein riesiger Imageschaden entstehen könne - so dass der Duisburger OB letztlich wahrscheinlich keine andere Wahl hatte, als die Veranstaltung genehmigen zu lassen.

Menschen flüchten panisch vom Gedränge am Tunnel auf eine Böschung (Quelle: dpa)
PHOENIX.online: Nochmal nachgefragt: Ein Behördenchef kann so eine Veranstaltung nicht absagen?
Orscheschek: Stellen Sie sich die Situation einfach mal vor: Wenn Sie absagen, sind Sie der Buh-Mann der Stadt, der Region, ja, des ganzen Landes – und wenn Sie zusagen und es passiert etwas, sind Sie genauso dran. Das ist ein enormer Druck, der da aufgebaut wird. Der Oberbürgermeister konnte so oder so nur verlieren.
PHOENIX.online: Ließ sich die Katastrophe voraussehen?
Orscheschek: Wenn man sich im Vorfeld die Zahlen anschaut – es passen nur 250.000 Menschen auf das Gelände, aber bei den letzten Loveparades waren beispielsweise in Dortmund rund 1,6 Millionen anwesend – dann wird einem schnell klar, dass das so nicht funktionieren kann. Der Veranstalter hat dann ein Konzept vorgelegt, das rund 500.000 Zuschauer vorsah. Diese Zahl steht natürlich im Widerspruch zu den bisherigen Zahlen der letzten Jahre. Trotzdem sind die Ordnungsbehörden erstmal gehalten, mit den vom Veranstalter gelieferten Zahlen zu arbeiten. Es werden darauf basierend Feuerwehr, Polizei und andere im Sicherheitsgewerbe arbeitende Dienste um Stellungnahmen gebeten. Anschließend holt man ein oder zwei Gutachten aus dem Bereich der Panik- oder Chaosforschung ein – ebenfalls auf den Zahlen der Veranstalter basierend. Dann kommt die Stadt anhand des Veranstalterkonzeptes, der Stellungnahmen und Gutachten zu einem Ergebnis. Und an den Beschluss sind die Ordnungsbehörden dann gebunden.
PHOENIX.online: D.h. die Polizei arbeitet dann mit den Besucherzahlen des Veranstalters und baut ihr Konzept darauf auf?
Orscheschek: Ja. Und wenn dann deutlich mehr Menschen kommen, als vorab angegeben, dann kann so eine Veranstaltung schnell zum Selbstläufer werden, die kaum noch zu kontrollieren ist.

Die Loveparade 1996 in Berlin: Viel Platz zum Ausweichen durch den Tiergarten (Quelle: PHOENIX/ rbb)
PHOENIX.online: Das Gelände fasste nur 250.000 Besucher, erwartet wurden offiziell 500.000, tatsächlich kamen bis zu 1,4 Millionen. Selbst wenn nur die geplanten Besucher kommen würden: Ein solches Konzept kann nur aufgehen, wenn eine hohe Fluktuation an Gästen stattfindet. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass eine solche Fluktuation bei der Loveparade eher unwahrscheinlich ist. Außerdem bräuchte man bei einer solch hohen Fluktuation ausreichend Zu- und Abwege für die Besucher. Aber die Planung sah vor, dass die vom Gelände wegströmenden und zum Gelände hinströmenden Zuschauermassen über nur einen einzigen Weg geleitet werden. Entweder war also das Wegekonzept erkennbar nicht auf die erwartete Besucherfluktuation ausgelegt oder das Gelände war vorab erkennbar zu klein. Warum wurde die Veranstaltung überhaupt genehmigt? Und hatten die Ordnungskräfte das nicht voraussehen und alternative Konzepte entwickeln können?
Orscheschek: Die Einlassungen sind genau richtig, aber seitens der genehmigenden Behörde war man offensichtlich der Meinung, man schafft das.
PHOENIX.online: Wer war eigentlich die genehmigende Behörde?
Orscheschek: Die genehmigende Behörde ist in so einem Fall die Ordnungsbehörde der Stadt Duisburg.
PHOENIX.online: Also noch mal: War das Ganze nicht irgendwie vorhersehbar?
Orscheschek: Wenn man sich das Unglück betrachtet, dann kann man verstehen, dass die Situation zu einem Selbstläufer wurde. Das Problem ist, dass das Gelände einfach nicht viel her gibt: Es verfügt nur über zwei Zugänge, wird auf der einen Seite durch die Schienenstränge des Bahnhofs und auf der andere Seite durch die Autobahn begrenzt. Der eine Zugang liegt nahe am Bahnhof, der andere weit davon entfernt. Den nahen Zugang hat man gesperrt, hat die Zuschauer über den langen Weg gelotst, weil man die Masse durch den langen Weg etwas entzerren wollte. Es gab zwischendurch immer wieder Sperren, so auch vor dem Tunneleingang und nach dem Tunnel an der Rampe. Aber es waren einfach zu viele Leute. Erschwerend kommt hinzu, dass die Veranstalter weniger auf die Entzerrung und mehr auf die Information der Besucher gesetzt haben. Man hat eine Lautsprecheranlage installiert und wollte die Zuschauer über Informationen zu Staus und Wartezeiten etc. ruhig halten.
PHOENIX.online: Die Besucher über Informationen ruhig halten? Wer die Loveparade kennt, weiß, dass Alkohol, Drogen und Aufputschmittel eine große Rolle in der Techno-Szene spielen. Wie kann man davon ausgehen, dass man eine so aufgeputschte Menge durch ein paar Lautsprecher ruhig stellen kann?
Orscheschek: Davon sind die Veranstalter ausgegangen – und wohin das geführt hat, kann man jetzt sehen. Die Ordnungskräfte vor Ort können bei einem so unglücklichen Gelände und einer so großen Menschenmasse dann auch nicht mehr viel ausrichten.
PHOENIX.online: Waren Sie selbst am Samstag im Einsatz?
Orscheschek: Ich war am Samstag Dienstgruppenleiter auf der Leitstelle, sitze dabei direkt neben dem Einsatzstab und habe das Geschehen von dort direkt mitbekommen.
PHOENIX.online: Stimmt es eigentlich, dass es ca. 30 Minuten vor der Panik konkrete Hinweise an die Ordnungskräfte gab?
Orscheschek: Das kann ich so eigentlich nicht bestätigen. Tatsächlich haben Sie ja vielleicht auch den Medien entnehmen können, dass am Samstag die Handy-Netze ausgefallen sind, d.h. es kamen eher sehr wenige Anrufe auf der Leitstelle an. Kurz nach 17 Uhr kam ein Anruf, dass ein bis zwei Tote zu beklagen sind. Wir haben dann sofort Maßnahmen eingeleitet. Ich selbst bin aber entsprechend der Schicht gegen 17.15 Uhr regulär abgelöst worden. Ob die Kollegen vor Ort angesprochen wurden, weiß ich nicht – dem Funkverkehr war nichts zu entnehmen, wobei wir aber auf der Leistelle nur den Führungskanal mithören, nicht die anderen fünf bzw. sechs Funkkreise, die es an dem Tag gab.
PHOENIX.online: Was war denn Ihrer Meinung nach der Auslöser für die Katastrophe?
Orscheschek: Das kann man nur schwer sagen. Nach allem, was ich mitbekommen habe, gab es einige sehr ungeduldige Besucher, die sich von den Lautsprecherdurchsagen nicht bremsen ließen, die über Zäune geklettert sind und auch über einen Lichtmast versucht haben, aufs Gelände zu kommen. Die Zäune haben dem Gewicht nicht standgehalten, die Menschen sind abgestürzt und auf die Menge gefallen. Die Menschenmenge drängte dann panisch zurück. Gleichzeitig drängeln diejenigen, die das Ganze nicht mitbekommen, von hinten ungeduldig nach vorne. Einige stürzen, fallen unter die anderen – und werden von der Masse der über ihnen Stehenden und Gehenden tot getrampelt.
PHOENIX Runde
Mo, 26.07.10, 22.15 Uhr
PHOENIX.online: Konnte man das Nachdrängeln nicht verhindern?
Orscheschek: Wie gesagt, es wurden ja im Vorfeld Gutachten bestellt: Diese haben den Schwerpunkt auf die Information der Besucher gelegt, weniger auf die u.a. von Feuerwehr und von der Polizei vorgeschlagene Entflechtung. Wenn man mehr in die Fläche gegangen wäre, wäre das Ganze vielleicht anders ausgegangen.
PHOENIX.online: Hätte die Katastrophe ihrer Meinung nach verhindert werden können?
Orscheschek: Eigentlich nur durch eine Absage im Vorfeld, die örtlichen Voraussetzungen waren für einen guten Verlauf extremen ungünstig.
PHOENIX.online: Das heißt, das Unglück war mit der positiven Entscheidung der verantwortlichen städtischen Ordnungsbehörde letztlich vorprogrammiert?
Orscheschek: Man hat wohl sehr hoch gepokert - und letztlich verloren.
PHOENIX.online: Herr Orscheschek, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Gregor J. Mayer
- PHOENIX.online berichtet über die Massenpanik auf der Loveparade auf Twitter
- PHOENIX.online berichtet über die Massenpanik auf der Loveparade auf Facebook
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